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Finkelsteins Holocaust Industrie
Forum haGalil - Board B:
Literatur: Buchempfehlungen, Kritiken, Kommentare:
Finkelsteins Holocaust Industrie
   
By mm207 on
Freitag, den 16. Februar, 2001 - 10:31:
Edit | Lieber Olav, wenn ich
Dich recht verstehe, meinst Du, diese Debatten
selbst (Walser-Bubis, Holocaust-Denkmal in Berlin,
Finkelstein) führten zur Trivialisierung des
Holocaust. Darüber kann man sicher diskutieren. Aber
grundsätzlich gilt doch, dass ich, wenn ich etwas,
das ich als Missstand erkenne, kritisieren will,
dies dann auch öffentlich thematisieren dürfen muss.
Wie will ich es denn sonst zur Sprache bringen.
Es gab ja auch noch eine Reihe weiterer Debatten:
intensive Diskussionen um die Fernsehserie
"Holocaust" 1979/80 (die übrigens den Begriff im
deutschen Sprachraum endgültig etablierte),
Historikerstreit, Goldhagen, Wehrmachtsausstellung,
Zwangs-und Sklavenarbeiter-"Entschädigung" und viele
kleinere, die nicht so viel Staub aufwirbelten.
Über die Frage, ob sie alle notwendig und sinnvoll
waren und ihr Verlauf dem nötigen Respekt vor den
Betroffenen Rechnung trug, kann man zweifellos
geteilter Meinung sein. Aber das haben wir nicht in
der Hand. Wir sind nicht die Protagonisten und nicht
die Wortführer, sondern nur Zuschauer oder -hörer.
Wir können nur feststellen, wie ungeheuer aktuell
und wirkungsmächtig das Thema "Holocaust" nach wie
vor ist. Und das wird sicher noch lange Zeit so
bleiben. In welcher Hinsicht wolltest Du
mir also entschieden widersprechen? Besten
Gruß Monika
Zur Finkelstein-Debatte gibt es
heute im Tagesspiegel (www.tagesspiegel.de) einen
Artikel von Henryk Broder, 'Robin
Hood und Dr. Seltsam'.
In der H-Netz-Liste zur
Geschichte des Holocaust gibt es heute einen Beitrag
von Jon Petrie, in dem dieser auf den Begriff
HOLOCAUST naeher eingeht. Er verweist dabei auf
folgende Internetseite:
www.berkeleyinternet.com/holocaust
   
By mm207 on
Sonntag, den 18. Februar, 2001 - 21:43:
Edit | Lieber sampsigeramos, lieber
Olav und alle, hier habe ich einen weiteren
Versuch, den Begriff "Holocaust" in seiner Bedeutung
"Ermordung der europäischen Juden" und seine
Etablierung als Fachausdruck zu erklären. Er stammt
von Doron Rabinovici und erschien am 9.10.99 in der
Süddeutschen Zeitung. Die eine,
allgemeingültige Version gibt es wohl nicht. Zu
vieldeutig (weil nichtssagend) und
missbrauchsanfällig ist dieses griechische
Fremdwort. Aber wie sollte auch ein Wort in der Lage
sein, zu beschreiben, was hier gemeint ist.
Viele Grüße Monika Hundert Wörter
des Jahrhunderts HOLOKAUST
Holocaust (engl., ,Massenvernichtung‘, eigtl.
,Brandopfer‘ von griech. holókaustos ,völlig
verbrannt‘), der, -(s)/-(s), neuhebr. Schoah, Shoa,
Shoah, Tötung einer großen Zahl von Menschen, eines
Volkes (Genozid), u. a. (erstmals 1944) Bez. für die
Verfolgung, Gettoisierung und insbesondere
Vernichtung der europ. Juden während der nat.-soz.
Herrschaft in Dtld. und Europa (1933–45).
Kein Wort genügt, zu erkunden, was geschehen ist.
Der verwaltete Massenmord an den Juden, die
„Fabrikation von Leichen„, wie Hannah Arendt sagt,
zerstörte das Grundvertrauen in Kultur und
Aufklärung. Arbeitsteilig organisiert, zentral
verwaltet und lokal betrieben, leisteten alle
Bereiche der Gesellschaft ihren Beitrag, um die
Ausgrenzung, Verschleppung und Vernichtung der Juden
zu bewerkstelligen. Nicht bloß die Exekutive und die
Justiz, auch die Reichsbahn, die Banken, die
Wissenschaft, die Wirtschaft trugen ihren Teil dazu
bei. Spät erst bürgerte sich der Begriff „Holocaust„
im Deutschen ein. Nach dem Weltkrieg war der
Massenmord zumeist mit dem Tarnwort der Mörder –
„Endlösung„ – umschrieben. Weil das Ausmaß des
Verbrechens einzigartig war, wurde in verschiedenen
Sprachen nach einem eigenen Terminus gesucht.
Bereits 1940 kam im Hebräischen das Wort „Shoah„
auf, „Katastrophe„, um zu benennen, was zur selben
Zeit den Juden Polens widerfuhr. Der Ausdruck
„Holocaust„ aus den USA der fünfziger Jahre wurde
weltbekannt durch die gleichnamige amerikanische
Fernsehserie der Siebziger. „Holocautomata„ bedeutet
Ganzbrandopfer. Kann es die nationalsozialistische
Untat verdeutlichen? Der Massenmord war kein Opfer
und kein Martyrium. Märtyrer mögen freiwillig
sterben und für eine Idee. Die Verfolgten dagegen
wurden auf rationelle Weise umgebracht, ob sie Juden
sein wollten oder nicht. Sie starben für keinen
Sinn. Vernichtet wurden Säuglinge und Konvertiten,
orthodoxe Rabbiner und Nonnen jüdischer Herkunft.
Hätten die Opfer den Widersinn der
nationalsozialistischen Ziele verstehen können? Sie
konnten nicht begreifen, weshalb ihr Leben, ihre
Fähigkeiten, letztendlich nicht einmal ihre
Arbeitskraft mehr zählten. Entmenschlichung war Teil
des Verbrechens. Vor der physischen kam die
gesellschaftliche und seelische Vernichtung. Der
aufrechte Gang wurde gebrochen, um, so David
Roussett, die „Prozessionen menschlicher Wesen wie
Gliederpuppen in den Tod„ zu schicken.
„Holocaust„, Ganzbrandopfer, der Ausdruck zeugt von
Widersinn. Er spiegelt den Glauben der
Nationalsozialisten wider, die Welt könne durch die
Ausrottung aller Juden erlöst werden. Der „Jude„
galt nicht bloß als Untermensch, sondern als das
Böse schlechthin. Der Vernichtungsplan und seine
industrielle Durchführung unterscheiden den
Holocaust von anderen Genoziden; auch von anderen
nationalsozialistischen Völkermorden. Deshalb
sprachen die Täter von der „Endlösung der
Judenfrage„. Wer dies verschweigt, verschleiert den
wahren Charakter des Verbrechens. Der Begriff, der
sich fand, um die Monstrosität des Verbrechens zu
sagen, wurde schnell zum Objekt der Beliebigkeit.
Vom nuklearen und ökologischen Holocaust war die
Rede. Als wäre alles plötzlich von völliger
Vernichtung bedroht, seien es Hühner, Bäume oder
Ungeborene. Eben diese Leidenschaft, dem Begriff
Holocaust seine Einmaligkeit zu rauben, beweist, wie
sehr verstört, was er bezeichnet. DORON RABINOVICI
Liebe Monika, besten Dank!
Gruss, Olav
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