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Finkelsteins Holocaust Industrie

Forum haGalil - Board B: Literatur: Buchempfehlungen, Kritiken, Kommentare: Finkelsteins Holocaust Industrie
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Archivieren bis zum 09. Februar 2001  12   09.02. - 16:29
Archivieren bis zum 11. Februar 2001  12   12.02. - 00:30
Archivieren bis zum 15. Februar 2001  12   18.02. - 09:03

   By mm207 on Freitag, den 16. Februar, 2001 - 10:31: Edit

Lieber Olav,

wenn ich Dich recht verstehe, meinst Du, diese Debatten selbst (Walser-Bubis, Holocaust-Denkmal in Berlin, Finkelstein) führten zur Trivialisierung des Holocaust. Darüber kann man sicher diskutieren. Aber grundsätzlich gilt doch, dass ich, wenn ich etwas, das ich als Missstand erkenne, kritisieren will, dies dann auch öffentlich thematisieren dürfen muss. Wie will ich es denn sonst zur Sprache bringen.

Es gab ja auch noch eine Reihe weiterer Debatten: intensive Diskussionen um die Fernsehserie "Holocaust" 1979/80 (die übrigens den Begriff im deutschen Sprachraum endgültig etablierte), Historikerstreit, Goldhagen, Wehrmachtsausstellung, Zwangs-und Sklavenarbeiter-"Entschädigung" und viele kleinere, die nicht so viel Staub aufwirbelten.

Über die Frage, ob sie alle notwendig und sinnvoll waren und ihr Verlauf dem nötigen Respekt vor den Betroffenen Rechnung trug, kann man zweifellos geteilter Meinung sein. Aber das haben wir nicht in der Hand. Wir sind nicht die Protagonisten und nicht die Wortführer, sondern nur Zuschauer oder -hörer. Wir können nur feststellen, wie ungeheuer aktuell und wirkungsmächtig das Thema "Holocaust" nach wie vor ist. Und das wird sicher noch lange Zeit so bleiben.

In welcher Hinsicht wolltest Du mir also entschieden widersprechen?

Besten Gruß
Monika

   By olavschroeer on Sonntag, den 18. Februar, 2001 - 09:03: Edit

Zur Finkelstein-Debatte gibt es heute im Tagesspiegel (www.tagesspiegel.de) einen Artikel von Henryk Broder, 'Robin Hood und Dr. Seltsam'.

   By olavschroeer on Sonntag, den 18. Februar, 2001 - 18:18: Edit

In der H-Netz-Liste zur Geschichte des Holocaust gibt es heute einen Beitrag von Jon Petrie, in dem dieser auf den Begriff HOLOCAUST naeher eingeht. Er verweist dabei auf folgende Internetseite:

www.berkeleyinternet.com/holocaust

   By mm207 on Sonntag, den 18. Februar, 2001 - 21:43: Edit

Lieber sampsigeramos, lieber Olav und alle,

hier habe ich einen weiteren Versuch, den Begriff "Holocaust" in seiner Bedeutung "Ermordung der europäischen Juden" und seine Etablierung als Fachausdruck zu erklären. Er stammt von Doron Rabinovici und erschien am 9.10.99 in der Süddeutschen Zeitung.

Die eine, allgemeingültige Version gibt es wohl nicht. Zu vieldeutig (weil nichtssagend) und missbrauchsanfällig ist dieses griechische Fremdwort. Aber wie sollte auch ein Wort in der Lage sein, zu beschreiben, was hier gemeint ist.

Viele Grüße
Monika

Hundert Wörter des Jahrhunderts
HOLOKAUST


Holocaust (engl., ,Massenvernichtung‘, eigtl. ,Brandopfer‘ von griech. holókaustos ,völlig verbrannt‘), der, -(s)/-(s), neuhebr. Schoah, Shoa, Shoah, Tötung einer großen Zahl von Menschen, eines Volkes (Genozid), u. a. (erstmals 1944) Bez. für die Verfolgung, Gettoisierung und insbesondere Vernichtung der europ. Juden während der nat.-soz. Herrschaft in Dtld. und Europa (1933–45).

Kein Wort genügt, zu erkunden, was geschehen ist. Der verwaltete Massenmord an den Juden, die „Fabrikation von Leichen„, wie Hannah Arendt sagt, zerstörte das Grundvertrauen in Kultur und Aufklärung. Arbeitsteilig organisiert, zentral verwaltet und lokal betrieben, leisteten alle Bereiche der Gesellschaft ihren Beitrag, um die Ausgrenzung, Verschleppung und Vernichtung der Juden zu bewerkstelligen. Nicht bloß die Exekutive und die Justiz, auch die Reichsbahn, die Banken, die Wissenschaft, die Wirtschaft trugen ihren Teil dazu bei. Spät erst bürgerte sich der Begriff „Holocaust„ im Deutschen ein. Nach dem Weltkrieg war der Massenmord zumeist mit dem Tarnwort der Mörder – „Endlösung„ – umschrieben. Weil das Ausmaß des Verbrechens einzigartig war, wurde in verschiedenen Sprachen nach einem eigenen Terminus gesucht. Bereits 1940 kam im Hebräischen das Wort „Shoah„ auf, „Katastrophe„, um zu benennen, was zur selben Zeit den Juden Polens widerfuhr. Der Ausdruck „Holocaust„ aus den USA der fünfziger Jahre wurde weltbekannt durch die gleichnamige amerikanische Fernsehserie der Siebziger. „Holocautomata„ bedeutet Ganzbrandopfer. Kann es die nationalsozialistische Untat verdeutlichen? Der Massenmord war kein Opfer und kein Martyrium. Märtyrer mögen freiwillig sterben und für eine Idee. Die Verfolgten dagegen wurden auf rationelle Weise umgebracht, ob sie Juden sein wollten oder nicht. Sie starben für keinen Sinn. Vernichtet wurden Säuglinge und Konvertiten, orthodoxe Rabbiner und Nonnen jüdischer Herkunft. Hätten die Opfer den Widersinn der nationalsozialistischen Ziele verstehen können? Sie konnten nicht begreifen, weshalb ihr Leben, ihre Fähigkeiten, letztendlich nicht einmal ihre Arbeitskraft mehr zählten. Entmenschlichung war Teil des Verbrechens. Vor der physischen kam die gesellschaftliche und seelische Vernichtung. Der aufrechte Gang wurde gebrochen, um, so David Roussett, die „Prozessionen menschlicher Wesen wie Gliederpuppen in den Tod„ zu schicken.

„Holocaust„, Ganzbrandopfer, der Ausdruck zeugt von Widersinn. Er spiegelt den Glauben der Nationalsozialisten wider, die Welt könne durch die Ausrottung aller Juden erlöst werden. Der „Jude„ galt nicht bloß als Untermensch, sondern als das Böse schlechthin. Der Vernichtungsplan und seine industrielle Durchführung unterscheiden den Holocaust von anderen Genoziden; auch von anderen nationalsozialistischen Völkermorden. Deshalb sprachen die Täter von der „Endlösung der Judenfrage„. Wer dies verschweigt, verschleiert den wahren Charakter des Verbrechens. Der Begriff, der sich fand, um die Monstrosität des Verbrechens zu sagen, wurde schnell zum Objekt der Beliebigkeit. Vom nuklearen und ökologischen Holocaust war die Rede. Als wäre alles plötzlich von völliger Vernichtung bedroht, seien es Hühner, Bäume oder Ungeborene. Eben diese Leidenschaft, dem Begriff Holocaust seine Einmaligkeit zu rauben, beweist, wie sehr verstört, was er bezeichnet. DORON RABINOVICI

   By olavschroeer on Sonntag, den 18. Februar, 2001 - 22:31: Edit

Liebe Monika, besten Dank! Gruss, Olav

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